Kolona Bay – eine Bucht im Takt der Charterflotten
Gewitter, Meltemi, Tagesgäste und Bettenwechsel: Wie einer der bekanntesten Ankerplätze der Kykladen innerhalb eines Wochenendes mehrfach sein Gesicht verändert.
Es ist Freitagabend, als wir Kolona erreichen. Die Dämmerung setzt ein – und in der Bucht herrscht die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm.
Noch ist das Wasser ruhig, noch weht kaum Wind. Doch für die Nacht ist kräftiger Meltemi angekündigt, und am Himmel zieht bereits ein Gewitter auf.
Dass ausgerechnet eine der bekanntesten Buchten der westlichen Kykladen an diesem Abend nahezu leer vor uns liegt, passt zu diesem eigenartigen Moment. Gerade einmal vier oder fünf Boote liegen vor Anker.
Doch der Freitag hat in Kolona ohnehin seine eigenen Gesetze.
Die Bucht liegt günstig zu den großen Charterbasen rund um Lavrion und wird deshalb gerne als erste oder letzte Station eines Kykladentörns gewählt. Das prägt ihren Wochenrhythmus: Von Donnerstag auf Freitag können hier noch zahlreiche Crews ihre letzte Nacht verbringen, bevor sie am Freitag zur Basis zurückkehren.
Die neuen Crews übernehmen ihre Boote meist am Samstag. Wer noch am Nachmittag aus Lavrion ausläuft und Kolona als erste Etappe wählt, kann am späten Samstagabend bereits wieder hier auftauchen. Der deutlich größere Schwung folgt erfahrungsgemäß von Sonntag auf Montag.
Freitagabend liegt dazwischen – und ist deshalb häufig der Moment, in dem Kolona am leersten ist.
An diesem Abend kommt das Wetter hinzu. Die Vorhersage verspricht eine unruhige Nacht. Noch aber ist davon wenig zu spüren.
Wir entscheiden uns für die westliche Seite der Sandbank. Weiter innen sind unter dem klaren Wasser große Sandflächen gut zu erkennen. Der Anker fällt, gräbt sich sauber ein und sitzt.
Sehr gut sogar.
Das wird in den kommenden Stunden noch wichtig.

In der Nacht kommt der Meltemi
Mit der Dunkelheit endet die Ruhe.
Der angekündigte Meltemi setzt ein. Immer kräftigere Böen fallen in die Bucht und lassen das Boot über die Kette schwojen. Gleichzeitig läuft unangenehmer Schwell herein.
Der Anker hält hervorragend.
Das Boot bewegt sich trotzdem die halbe Nacht.
Es ist eine jener Nächte, in denen man immer wieder wach wird, nach draußen schaut und prüft, ob dort draußen noch alles so aussieht wie eine Stunde zuvor.
Am Morgen liegt der Anker noch exakt dort, wo wir ihn am Vorabend gesetzt haben.
Und eine Erkenntnis ist umso deutlicher:
Guter Windschutz, guter Ankergrund und eine ruhige Nacht sind drei verschiedene Dinge.
Samstag: Hochsommer – und trotzdem viel Platz
Auch am Samstag bleibt der Meltemi kräftig und böig.
Und Kolona bleibt erstaunlich leer.
Wer die berühmte Bucht nur von Hochglanzbildern aus dem Hochsommer kennt, könnte an diesem Tag glauben, einen außergewöhnlichen Glückstreffer gelandet zu haben.
Tatsächlich treffen gleich zwei Faktoren zusammen.
Die Charterwoche ist zu Ende. Die Yachten der vergangenen Woche sind zurück in den Basen rund um Lavrion, die neuen Crews übernehmen ihre Boote. Gleichzeitig hält Wind und Seegang einen ganz anderen Teil der üblichen Besucher fern: die kleinen Motorboote, die bei ruhigem Wetter für einen Tagesausflug nach Kythnos kommen.
Chartercrews weg. Tagesgäste wetterbedingt zu Hause.
Kolona gehört für einige Stunden fast denen, die bereits da sind.

Ein ungewöhnlicher Anblick im Sommer: Bei kräftigem Meltemi bleibt Kolona am Samstag nahezu leer.
Am Samstagabend schläft der Wind schließlich ein. Das Meer beruhigt sich.
Vereinzelt können jetzt bereits die ersten Charteryachten auftauchen. Es sind die Crews, die ihre Boote am Samstag übernommen haben, am Nachmittag noch in Lavrion ausgelaufen sind und Kolona gleich als erste Etappe gewählt haben.
Noch bleibt es vergleichsweise ruhig.
Das sollte sich am nächsten Morgen ändern.
Sonntag: Die Bucht erwacht
Am Sonntagmorgen liegt das Meer nahezu glatt.
Und gegen 10 oder 11 Uhr beginnt Kolona, sich zu verändern.
Das erste Motorboot kommt.
Dann das zweite.
Dann noch eines.
Innerhalb weniger Stunden füllt sich die Bucht. Kleine Motorboote und größere Motoryachten laufen ein, die Sandbank wird zum Strand und aus dem stillen Ankerplatz des Vortages wird ein sommerliches Ausflugsziel.
Gegen Mittag ist die Veränderung komplett.

Gerade der Vergleich mit dem Samstag macht deutlich, wie stark das Besucheraufkommen hier vom Wetter abhängt. Die Distanz bleibt dieselbe. Aber für kleine schnelle Motorboote macht es einen gewaltigen Unterschied, ob zwischen Festland und Kythnos Meltemi und entsprechende See stehen oder das Ägäische Meer nahezu glatt daliegt.
Kolona folgt also nicht nur einem Wochenrhythmus.
Sie folgt gleichzeitig dem Wetter.
Sonntagnachmittag: Wachwechsel in der Bucht
Ab dem frühen Nachmittag dreht sich die Bewegung um.
Die Tagesgäste brechen auf.
Ein Motorboot nach dem anderen verschwindet wieder. Die Bucht leert sich zunehmend von den Booten, die nur für einige Stunden gekommen waren.
Gleichzeitig erscheinen draußen die ersten Segel.
Jetzt beginnt die neue Charterwoche endgültig.
Die Boote wurden am Samstag in Lavrion übernommen, Proviant und Gepäck sind an Bord und für viele Crews ist Kythnos eine naheliegende erste Etappe auf dem Weg in die Kykladen.
Am Sonntagabend wechselt Kolona deshalb erneut sein Publikum.
Die Motorboote fahren heim.
Die Segelyachten kommen.
Wer nur ein paar Stunden früher oder später einläuft, erlebt scheinbar eine andere Bucht.

Zwei Buchten, eine Sandbank
Schon aus der Luft versteht man, warum Kolona so besonders ist.
Eine schmale Sandbank verbindet Kythnos mit der vorgelagerten Insel Agios Loukas. Dadurch entstehen zwei unmittelbar nebeneinanderliegende Buchten mit Wasser auf beiden Seiten der Landverbindung.
Für den Skipper bedeutet das eine Entscheidung:
Welche Seite?
Wir bevorzugen die Westseite.
Weiter innen haben wir dort gute Sandflächen gefunden. Bei unserem Besuch grub sich der Anker hervorragend ein und hielt auch unter den kräftigen Belastungen der Meltemi-Böen zuverlässig.
Das ist ausdrücklich eine eigene Erfahrung – keine Garantie für jeden Punkt der Bucht. Sandflächen und Seegras wechseln sich ab. Ein genauer Blick auf den Untergrund lohnt sich deshalb unbedingt.
Der Preis für unsere Position zeigte sich in jener ersten Nacht: Schwell.
Die andere Seite der Sandbank kann bei Meltemi deutlich ruhiger liegen. Gleichzeitig sollte dort besonders sorgfältig auf den Untergrund geachtet werden. Für einzelne Bereiche werden dünn übersandete Felsplatten beschrieben. Liegt tatsächlich nur eine dünne Sandschicht auf Fels, kann ein Anker zunächst so aussehen, als habe er gegriffen, ohne sich zuverlässig eingraben zu können.
Diesen Punkt möchte ich vor einer endgültigen Empfehlung noch einmal anhand belastbarer Revierquellen überprüfen.

So wird Kolona zu einem schönen Beispiel dafür, dass die Wahl eines Ankerplatzes selten nur eine Frage der Windrichtung ist.
Ankergrund, Schwell, Böen, Wassertiefe und ausreichend Raum zum Schwojen gehören ebenso in die Rechnung.
Bordnotiz: Kolona Bay
Revier: Kythnos · westliche Kykladen
Charakter: Doppelbucht an einer markanten Sandbank
Ankergrund: Sand und Seegras – geeignete Sandflächen gezielt suchen
Bei Meltemi: mit kräftigen Böen und je nach gewählter Seite mit Schwell rechnen
Unsere Erfahrung: auf der Westseite sehr guter Halt auf Sand, bei starkem Meltemi allerdings eine unruhige Nacht durch Schwell
Besonderheit: Das Besucheraufkommen kann sich innerhalb weniger Stunden komplett verändern
An Land: Sandbank, Strand, Wanderwege und eine Taverne oberhalb der Bucht
Und dann ist da noch die Taverne
Kolona nur auf Ankergrund, Wind und Charterrhythmus zu reduzieren, würde der Bucht allerdings nicht gerecht.
Denn irgendwann liegt der Anker, das Dinghy ist im Wasser und aus dem nautischen Ziel wird ein Ort.
Oberhalb der Bucht liegt eine Taverne mit Blick über die Sandbank und die ankernden Boote. Gerade nach einem Tag mit kräftigem Meltemi gehört der Weg an Land zu jenen Momenten, in denen sich die Perspektive verändert: Vor wenigen Stunden war die Bucht noch eine Ansammlung aus Windrichtung, Schwell, Ankergrund und Kettenlänge. Von oben wird daraus wieder das, weshalb man überhaupt hierhergekommen ist.
Ein außergewöhnlicher Flecken Mittelmeer.

Der Wochentag gehört zur Törnplanung
Nach diesem Wochenende haben wir Kolona anders betrachtet.
Natürlich schaut man vor der Wahl eines Ankerplatzes auf Windrichtung, Windstärke und Wetterentwicklung. Man betrachtet die Karte, sucht Sandflächen und überlegt, wie viel Kette man stecken kann.
Doch in stark frequentierten Revieren gibt es noch einen Faktor, der in keiner Wetter-App auftaucht:
den Rhythmus der Menschen, die dort unterwegs sind.
In Kolona lässt sich dieser Rhythmus besonders gut beobachten.
Von Donnerstag auf Freitag können rückkehrende Chartercrews die Bucht füllen.
Am Freitag verschwinden sie Richtung Lavrion.
Der Freitagabend gehört deshalb erfahrungsgemäß zu den ruhigsten Zeitpunkten für Charterverkehr.
Am Samstag können bei geeignetem Wetter Tagesgäste kommen, während am späten Abend vereinzelt bereits die ersten neuen Chartercrews eintreffen.
Am Sonntagmorgen übernehmen bei ruhiger See die Motorboote die Bucht.
Am Nachmittag fahren sie wieder.
Und am Sonntagabend füllt sich Kolona zunehmend mit Segelyachten, deren Reise gerade erst begonnen hat.
Das Wetter kann diesen Rhythmus allerdings komplett verändern. Ein kräftiger Meltemi hält die kleinen Motorboote fern. Flaute kann wenige Stunden später dafür sorgen, dass die gleiche Bucht kaum wiederzuerkennen ist.
Derselbe Ort.
Dasselbe Wochenende.
Völlig unterschiedliche Eindrücke.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Bordnotiz, die von diesem Wochenende geblieben ist:
Wer einen Ankerplatz verstehen will, sollte nicht nur wissen, woher der Wind kommt. Manchmal sollte er auch wissen, welcher Wochentag ist.
